Kühler Kopf und heisses Herz

Illustration: Séverine Leibundgut

Der Anfang dieses Jahres steht im Zeichen des Endes einer Ära FOCALs: Präsident Thomas Geiser hat sein Amt nach fast siebzehn Jahren per Ende 2018 niedergelegt. Pierre Agthe tut es ihm nun im März als Direktor gleich. Er führte in dieser Funktion die Geschäfte seit der Stiftungsgründung während fast dreissig Jahren.

In unserer heutigen schnelllebigen Zeit sind solch langanhaltende Engagements keine Selbstverständlichkeit. Erst recht nicht im Umfeld des Filmes, in dem der Erfolg und das Scheitern so nahe beieinanderliegen. Umso grösser war die Herausforderung für Pierre Agthe als Quereinsteiger in die Filmbranche, die Akzeptanz der Weiterbildung bei den Film- und Audiovisionsschaffenden voranzutreiben, und dies, ohne von Anfang an zu wissen, welche Themen in der Weiterbildung tatsächlich gefragt waren.

Aber er konnte auf die Unterstützung der Filmverbände zählen, die die Stiftung FOCAL gegründet hatten. Diese Konstellation half entscheidend mit, dass sich FOCAL durchsetzen konnte. Dies erforderte aber auch grosse Beharrlichkeit und das stete Hinterfragen des eigentlichen Auftrages: Wie setzt man die „graue Materie“ zu Gunsten einer konkurrenzfähigen Filmbranche ein, und wie erhält und verteidigt man das entsprechende Budget?

Während der ära von Pierre Agthe und Thomas Geiser hat sich das lmpolitische Umfeld verändert. Nach der anfänglichen Akzeptanz wendete sich das Blatt, die öffentliche Hand begann am Nutzen der Weiterbildung für audiovisuelle Berufe zu zweifeln. Mit dem Ausschluss der Schweiz aus dem MEDIA-Programm der EU drohte weiteres Ungemach. Eine wichtige Förderung drohte wegzubrechen. Dies just zu dem Zeitpunkt, als sich FOCAL im europäischen Umfeld einen guten Namen geschaffen hatte und dank der gesicherten strukturellen Finanzierung als verlässliche Partnerin wahrgenommen wurde. Thomas und Pierre wussten diese Krisen kreativ und durch viel überzeugungsarbeit zu meistern. Der Bund hielt seine Verpflichtung ein, eine neu installierte Stiftung in den Niederlanden hält die Türe zu Europa eine Spalte offen, und die MEDIA-Ersatzmassnahmen ermöglichen der Stiftung nach wie vor eine internationale Visibilität.

Illustration: Séverine Leibundgut

FOCAL hat sich zu einer bestens vernetzten Institution entwickelt. National wie auch international hilft dieses Netzwerk entscheidend mit, dem Filmschaffen in unserem Lande eine internationale Perspektive zu geben. Nicht von oben verordnet. FOCAL ist eigenständig organisiert und dient als Gefäss, aus dem die Branche Weiterbildungsinhalte schöpfen kann, die ihren Bedürfnissen entsprechen. Diese Inhalte decken so viele Bereiche ab, wie die Kino- und Fernsehwelt, das kulturelle wie auch politische Klima sowie die beruflichen und technischen Veränderungen und Innovationen es erfordern. Das Projekt FOCAL ist ein Projekt von Filmschaffenden für Filmschaffende. Es greift manchmal zu Recht und mit Kompetenz auch Themen auf, die die Filmpolitik betreffen und herausfordern. Diese Breite ist zugleich die Stärke der Stiftung, die sich nie auf ihrem grossen und beeindruckenden Leistungsausweis ausruhen wird, sondern mit Nachdruck die Bedeutung der Weiterbildung als Ort der Erneuerung, des intelligenten Disputes und der kritischen Reflexion erkämpfen muss.

Der Grundstein für dieses Selbstverständnis wurde vom ersten Präsidenten Marc Wehrlin im Jahr 1990 gelegt, von Corinne Siegrist-Oboussier während sechseinhalb Jahren verfestigt und nun von Thomas Geiser auf eine solide Basis gestellt. Immer dabei: Pierre Agthe und sein Team in der Geschäftsstelle in Lausanne. Diese Kontinuität ist bemerkenswert und schafft die Grundlage für die nachfolgende Geschäftsleitung mit Mariano Tschuor als neuem Präsidenten sowie Rachel Schmid und Nicole Schroeder als frische Ko-Direktorinnen.

Der Abschied fällt Pierre nicht leicht. Er liebt es, Menschen miteinander in Verbindung zu bringen. Neues entstehen zu lassen. FOCAL war seine Spielwiese, auf der im Laufe der Jahre zahlreiche aufregende Partien ausgetragen wurden. Nach seiner Abschiedstour bleibt zu wünschen, dass sein Wort nicht verstummt und er sich weiterhin als konstruktive Stimme für die Weiterentwicklung des Schweizer Films einbringt!

Thomas wird sein Interesse am Schweizer Film nach wie vor bei den Solothurner Filmtagen als Mitglied des Vorstandes einbringen. Nach der Verabschiedung aus der Eidgenössischen Filmkommission vor drei Jahren nun auch der Abschied bei FOCAL: Gibt es bei ihm die Strategie des Abschiedes in Raten? Thomas ist Jurist, und einige Juristen nehmen den Bibelvers ‹Am Anfang war das Wort› sehr ernst. Ich halte mich lieber an Brecht, der sagte; ‹Wichtiger scheint mir das letzte Wort.› Dabei sind Worte aus dem Ruhestand auch immer willkommen.

FOCAL wird ihre Reise mit frischen Ideen und Projekten weiterführen, ohne die Geschichte zu vergessen. Dazu wünsche ich einen kühlen Kopf und ein heisses Herz!!

Ivo Kummer, Filmchef BAK

FOCAL, Januar 2019

Illustration: Séverine Leibundgut