EKRAN aus der Sicht von...

Photo: EKRAN
Photo: EKRAN

FOCAL Programm 2008/1


Es gibt mindestens fünf Indikatoren, mit denen man die Wirksamkeit, die Existenzberechtigung der Weiterbildung im Filmbereich messen (oder es zumindest versuchen) kann:

  • das Niveau der ausgewählten Seminarteilnehmenden. Werden (junge) Profis weitergebildet, die wirklich beim Film tätig sind?
  • der Zufriedenheitsgrad der Teilnehmenden nach der Weiterbildung. Wie nützlich ist das Erlernte für deren berufliche Laufbahn und ihr Beziehungsnetz?
  • der Werdegang der in den Weiterbildungsprogrammen entwickelten Projekte. Wieviele Projekte werden gedreht, und mit welchem Publikumserfolg?
  • die Entwicklung der Karriere der Teilnehmenden nach den Seminaren. Werden sie zu wichtigen Akteuren (key players) der Filmbranche?
  • die Entstehung von Zusammenarbeiten / Koproduktionen unter Teilnehmenden, die sich an Weiterbildungsprogrammen kennengelernt haben. Hat sich das Beziehungsnetz in der europäischen Filmindustrie erweitert?

Natürlich wird die Stiftung FOCAL regelmässig darum gebeten, ihre Tätigkeit in der schweizerischen und europäischen Filmbranche zu rechtfertigen. Wir gehen den fünf Indikatoren deshalb zur Zeit nach, FOCAL-intern einerseits, aber auch mit anderen Weiterbildungsinstitutionen in Europa. In diesem Kontext geben wir das Wort an Fulvio Bernasconi (Regisseur) und Andres Pfaeffli (Produzent); sie berichten darüber, wie sie ein Weiterbildungsprogramm erlebt haben und was es ihnen in kreativer Hinsicht und im Produktionsprozess gebracht hat – in diesem Fall geht es um das Programm EKRAN (siehe nachstehend) und ihren Film FUORI DALLE CORDE. Der Film hat letzten Sommer am Filmfestival von Locarno am Wettbewerb teilgenommen, ist für den Schweizer Filmpreis nominiert und kommt in diesen Tagen in der ganzen Schweiz ins Kino.

EKRAN aus der Sicht von…

EKRAN war eine äusserst positive Erfahrung für uns. EKRAN ist gewissermassen eine Kreativitäts-Fabrik auf sämtlichen Ebenen. Die Programmstruktur, die von Treatment- und Drehbuchentwicklung, Vorbereitung einer Master-Szene (Casting, Storyboard usw.), dem Dreh und der Montage bis zur Diskussion der gedrehten Szenen reicht, erlaubt unserer Meinung nach eine ausgezeichnete Vertiefung und Auseinandersetzung mit den verschiedensten stilistischen Aspekten der Projekte und eine erste Überprüfung des Marktpotentials.

Dass diese Arbeiten von Koryphäen des europäischen Films geleitet werden, stärkt das Programm ungemein. Die Treatment-Analysen im Plenum mit den Bemerkungen und Anregungen der verschiedenen Teilnehmer aus Ländern, mit denen wir normalerweise nicht in einen solchen Austausch treten, die anschliessenden Analysen von z.B. Agnieszka Holland, Wojciech Marczewski und natürlich Andrzej Wajda sind sehr spannend und motivierend. Wenn man erlebt, wie Altmeister Wajda innert weniger Minuten jeden einzelnen Plot so umdreht, dass augenblicklich ein Film zu erkennen ist, bleibt einem nicht nur die Erinnerung an die polnische Schule der Dramaturgie, es ist schlicht und einfach bereichernd für unsere Alltagsarbeit.

Nicht nur diese Auseinandersetzung enthält sehr viel Potential, auch die Konfrontation mit den anderen Teilnehmern war sehr fruchtbar. Hinzu kommt aber auch die Zusammenarbeit mit den polnischen Schauspielern und Technikern. Überhaupt war das Eintauchen in die polnische Welt des Filmemachens für uns sehr motivierend. Wir glauben, dass unser Film FUORI DALLE CORDE sehr von EKRAN profitiert hat, nicht zuletzt auch dank der Schnitt-Mentorin Milenia Fiedler, die wir kennen und schätzen lernten und die mit FUORI DALLE CORDE nun schon zwei Filme für uns geschnitten hat. Über diese persönlichen Vernetzungen ergeben sich aber auch Möglichkeiten produktioneller Zusammenarbeit.

Da uns dieses Programm in seiner Zielgerichtetheit sehr überzeugt, waren wir auch im Jahr 2007 wieder mit einem Projekt beteiligt und werden ein polnisches Filmprojekt, das wir dank EKRAN entdecken durften, koproduzieren.

Andres Pfaeffli, Produzent, ventura film sa


Als ich die Ausschreibung von EKRAN (polnisch: Leinwand) las, war ich sofort von der Möglichkeit angezogen, Meister wie Andrzej Wajda, Volker Schlöndorff und Alexander Sokurov zu treffen und mit ihnen an meinem Filmprojekt FUORI DALLE CORDE zu arbeiten. Als ich im April 2004 am Flughafen Zürich auf meinen Flug nach Warschau wartete, hatte ich dennoch Zweifel. Eigentlich bin ich kein grosser Weiterbildungsfan, und ich befürchtete, diesen grossen Regisseuren nur für ein paar Minuten oder in allgemein gehaltenen Vorträgen zu begegnen. Kurz, ich hatte Angst, in einem Programm, das mir nichts beibringen würde, meine Zeit zu verlieren.

Zwei Tage später sass ich in der Kantine der Warschauer ‹Studios› neben Alexander Sokurov am Tisch, diskutierte mit ihm mein Projekt, und er erzählte mir, wie er auf die Idee gekommen war, russian ark in einer einzigen, eineinhalbstündigen Plansequenz zu drehen (er meinte, er sei von Gott inspiriert gewesen). Meine Zweifel waren verflogen, ich war vom Kurs, von meiner Arbeit und vom Film begeistert. In den rund zwei Monaten, die ich in Warschau verbrachte, hat mich dieser Enthusiasmus nie verlassen, und dieses Erlebnis hat mein Filmprojekt, das ich dort weiterentwickelte, zutiefst verändert, aber auch meine Vorstellung vom Film und von meinem Beruf als Regisseur.

Was mich zu Beginn des Programms am meisten überraschte, war die Bedeutung, die dem Film beigemessen wurde. In den Worten und dem Verhalten von Leuten wie Andrzej Wajda oder Wojciech Marczewski spürte man, dass die 7. Kunst etwas Wichtiges ist, etwas beinahe Lebenswichtiges für die Menschen und für die Gesellschaft. Für einen Schweizer Regisseur ist das eine Erkenntnis.

Ich war auch von der Leidenschaft und der Grosszügigkeit berührt, mit der die Lehrenden ihr Wissen teilten und an meinem Projekt arbeiteten. Ich hatte den Eindruck, für sie gehe es nicht nur darum, einem das Filmemachen beizubringen, sondern auch darum, eine hundertjährige Tradition der Ästhetik, der Methodik, ja des Berufsethos zu vermitteln.

Das EKRAN-Programm besteht aus Vorträgen, Gruppendiskussionen, praktischen Übungen und Einzelgesprächen mit den Referenten. In besonders lebhafter Erinnerung bleiben mir die individuellen Gespräche, an denen die Probleme meines Drehbuchs und der Realisierung meines Films besprochen wurden. Was mich verblüffte, war die Vermittlung der Erfahrung, über die meine Gesprächspartner verfügten. Wenn ich einem Volker Schlöndorff oder einer Agnieszka Holland zuhörte, um nur zwei zu nennen, spürte ich ihre Filmerfahrung in ihren Worten. Sie teilen sozusagen ein ‹Savoir-Vécu›.

EKRAN hat mir sicher ermöglicht, aus FUORI DALLE CORDE einen besseren Film zu machen, und wird mich, denke ich, in meiner ganzen weiteren Laufbahn beeinflussen. Vor EKRAN hatte ich eine etwas ‹automechanische› Vorstellung von Regie: «Ich habe dieses und jenes Ausdrucksmittel, um dieses Gefühl zu kommunizieren; wenn es gut gemacht ist, dann wird es funktionieren…». Mir scheint, ich habe in Polen gelernt, dass meine Arbeit anspruchsvoller und subtiler ist, als ich dachte, und dass der Weg der Gestaltung eines guten Films manchmal mysteriös und daher umso faszinierender ist.

Während EKRAN habe ich auch Milenia Fiedler kennen gelernt, die seither FUORI DALLE CORDE und auch meinen Fernseh-Dokumentarfilm POWERFUL MEN geschnitten hat. Für mich war es eine ganz wertvolle Begegnung: Film ist eine Gemeinschaftskunst; ohne treue und brillante Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geht gar nichts.

Fulvio Bernasconi, Regisseur, Lugano
fulviobernasconi.ch


What is EKRAN?

The European training project EKRAN is a collaborative project between the Andrzej Wajda Master School of Film Directing, FOCAL, the Norwegian Film Development, the Filmstiftung Nordrhein-Westfalen, the Internationale Film Schule Köln, the International Film School Wales, the Netherlands Film Institute, the Polish Film Institute and the Polish Filmmakers Association.

EKRAN is an international training program focusing on the creative preproduction process based on shooting practice.

It aims at advancing the participants’ scripts and producing two scenes presenting the tone, casting and visual strategies of the project.

This includes:

  • Treatment or script development (group and individual work )
  • Preparation for shooting (casting, storyboard, individual consultancy with tutors)
  • Shooting (tutors’ directing consultancy available)
  • Editing (tutors’ editing consultancy available)
  • Evaluation of the produced scenes
  • Presenting participants’ projects and their production and marketing strategies to the panel of experienced producers, world sales and marketing specialists.

The Godfathers of EKRAN are Andrzej Wajda (Poland), Volker Schlöndorff (Germany) and Alexander Sokurov (Russia).

The team of tutors involves experienced film professionals from all over Europe including: Wojciech Marczewski, Agnieszka Holland, Krzysztof Zanussi, Edward Zebrowski (Poland); Lone Scherfig, Thomas Vinterberg, Per Fly, Mogens Rukov (Denmark); Ildiko Enyedi (Hungary); Udayan Prasad, Nigel Orrillard, Marilyn Milgrom (England), Antoine Jaccoud (Switzerland).